Eine interessante Diskussion über „was bin ich?“ auf Twitter hat mich zu den nachfolgenden Überlegungen angeregt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil das Thema auch bei Burnout zentral ist, wo es vor allem darum geht, sich selbst zu leben. Aber was heißt das denn?
Vorerst ein Diskussionsausschnitt, vielleicht nicht ganz in der richtigen Reihenfolge, was den Aussagen aber kaum Abbruch tut.
A: Will jemand eine objektive Auskunft über mich, muss er, so es nicht reine Fakten sind, die Wahrnehmung anderer bemühen.
B: Dann fragst du dein Umfeld, wer du bist? Und sammelst die Fakten ihrer Wahrnehmung. Die Zusammenfügung dieser ergibt dann dein ich?
A: Nein, ich weiß schon, wer ich bin. Aber wie ich bin, ist etwas anderes. Es wird nämlich letztlich nach der Wirkung gefragt.
B: Wenn du dein Leben danach lebst, wie du auf andere wirkst, lebst du dann nicht fremdbestimmt?
C: Je weniger behauptungen darüber, wie man sei, umso mehr spielraum in der entfaltung dessen, was man im jetzt wirklich ist.
B: Urteilen ist nicht unbedingt gemeint. Aber sich selbst realistisch wahrzunehmen ist unmöglich.
A: Eben daher bedarf es Aussensicht und damit Objektivierung…
Interessanterweise sagt jener, der behauptet zu wissen, wer er sei, er sei der Spiritualität abgeneigt und unterscheidet zwischen „wer bin ich“ und „wie bin ich“. Dabei gehört das „Wer bin ich?“ zu den letzten Fragen des Seins, und hat damit durchaus eine spirituelle Dimension. Natürlich sind Wortmeldungen in den Social Media nicht bis ins letzte Detail überlegt und dürfen nicht auf die Goldwaage gelegt werden. Sie zeigen aber, wie wir zwar glauben, eine klare Vorstellung über uns selbst zu haben, obwohl bei näherer Betrachtung doch vieles im Unklaren liegt.
Die Frage nach dem eigenen Sein spielt im Umgang mit Burnout eine ganz wesentliche Rolle. Der Frage wird auf den Grund gegangen, wenn auch nicht in einem spirituellen Sinne, sondern in Bezug auf unser Haben, Tun und Sein und wie wir diese drei Lebenskreise gewichten.
Wir haben über unser Wesen, über unsere Fähigkeiten, Neigungen, Qualifikationen, Sehnsüchte, Stärken und Schwächen zwar eine summarische Vorstellung, aber selten Klarheit. Und noch viel weniger sind wir uns über unser Potenzial bewusst, darüber, was wir sein könnten, wenn wir wollten und die Ängste überwinden würden, welche der Realisation im Wege stehen.
Darüber Klarheit zu bekommen trägt nicht nur wesentlich dazu bei, ein bestehendes oder heranziehendes Burnout zu überwinden, sondern das eigene Leben grundsätzlich befriedigend zu gestalten.
Wir lernen schon in der Schule zu erraten, was die Lehrer gerne hören möchten, und liefern es ihnen bereitwillig, da wir gute Zensuren wollen. Wir sind dazu erzogen, Belohnung anzustreben und Bestrafung zu vermeiden. Ein innerlich freier Mensch strebt weder nach Belohnung, noch versucht er Bestrafung zu vermeiden, sondern er lebt nach seinen ganz eigenen Wertvorstellungen und Überzeugungen. Damit kann er selbstverständlich in Konflikt mit den Inhabern von Macht geraten.
Das kann ungemütlich werden, einverstanden. Dann könnte man umkippen und wieder nach der Wirkung fragen, die das eigene Verhalten steuert und damit verbunden, ob es denn gefalle. Ob dann die Beobachtung dieses Verhaltens eine objektive Auskunft über die beobachtete Person darstellt, ist nicht anzunehmen. Vielleicht eines Teils dieser Person, in diesem Fall, dass sie eine angepasste ist. Auf die Wirkung komme es ja an…
Ich will mit diesen Überlegungen nur aufzeigen, dass es gar nicht so einfach zu wissen ist, wer man zu einem gegebenen Moment ist. In der Arbeit mit Burnout benutzen wir ein hilfreiches Instrumentarium, das Aussagen macht über die im Moment ausgebildeten und gelebten und nicht gelebten Fähigkeiten, Stärken, Vorlieben, Eigenheiten und Persönlichkeitsmerkmale.
Diese Merkmale sind jedoch nicht unbedingt in Granit gemeißelt. Sie lassen sich verändern, entwickeln, sogar überwinden, falls erwünscht. In welche Richtung diese Entwicklung vorzugsweise gehen soll, liegt jedoch in tieferen Strukturen des Seins begründet, über die ganz wesentlich nachzudenken, oder noch besser nachzufühlen ist.
Letztlich geht es doch genau darum, sich gut zu fühlen, zufrieden mit sich selbst leben zu können, d.h. keine Wesensmerkmale die man im gegebenen Moment leben möchte, verleugnen zu müssen. Denn das kostet unnötig Energie und lässt einen mit leeren Händen zurück. Ein Hauptgrund für Burnout, Depression, innere Leere. Sich selbst zu leben, auch wenn die Frage nach dem Ich mit diesen wenigen Zeilen nicht beantwortet ist, ist eine Quelle der Energie und damit der Lebensfreude.
Also fragen Sie nicht Ihr Umfeld, wer und wie Sie sind, sondern suchen Sie die Antwort bei sich selbst. Nur Sie selbst können es wissen.