Angst durch Trauma

Etwa jeder 20. Fall von irrealer (oder neurotischer) Angst lässt sich nicht in einer oder wenigen Sitzungen auflösen, da er auf einem tiefer liegenden Trauma gründet. Für einen solchen Fall habe ich von einer betroffenen Person das Einverständnis zur Veröffentlichung bekommen (Namen geändert).

Herr Sommer, ein etwa 50-jähriger Mann, beklagt sich über Angstzustände, ausgelöst durch Situationen, in denen er sich nicht entfernen kann.

Beispiele: Das Gedränge auf den Stehplätzen eines Fußballspieles, wo er panikartig das Stadion verlassen muss, aus Angst, sonst sofort zusammenzubrechen. Lange Zugfahrten mit Schnellzügen, wo längere Zeit keine Möglichkeit besteht, auszusteigen. Autofahrten auf Strecken mit notorischen Staus, wo er nicht wegfahren kann und das Auto nicht verlassen darf. Nur schon die Vorstellung solcher Situationen verursacht Blähungen, Kribbeln in den Füssen und Beinen, das sich bis zur Bewegungsunfähigkeit steigern kann. Dazu gesellt sich oft eine Art Flash im Kopf.

Seine bisherigen Lösungen: Fußballspiele meiden, Zugfahrten nur mit Regionalzügen, die an jeder Station anhalten, Autofahrten auf Umwegen oder zu Zeiten, wo keine Staus zu erwarten sind.

Die erste strategische Vorgehensweise bringt zwar rasche und starke Verbesserungen, das üblicherweise vollständige Ausbleiben der Angstsymptomatik lässt sich aber nur teilweise erreichen. Dies lässt eine schwere Traumatisierung vermuten. Zufällig erwähnt er an einer Sitzung Narben von Verletzungen durch einen Unfall. Was war geschehen?

Im Alter von 20 Jahren war er mit einer Gruppe von Kollegen am Wochenende im Ausgang, wo wie üblich vermehrt Alkohol genossen wurde. Man beschloss zu vorgerückter Stunde, noch in ein Nachbardorf zu fahren, um weiter zu feiern. Gesagt getan. Zu viert bestieg man das Auto des einen Kollegen, der stark alkoholisiert war und mit hoher Geschwindigkeit losfuhr. Herr Sommer saß hinten rechts. Nach mehreren halsbrecherischen Überholmanövern bat der hinten links, neben ihm sitzende junge Mann, aussteigen zu dürfen. Es wurde ihm irgendwo im Niemandsland zwischen den Dörfern gewährt. Der Fahrer musste dazu aussteigen, es war ein zweitüriges Auto.

Der Höllenritt ging weiter und wäre fast von einem vor ihnen fahrenden langsameren Verkehrsteilnehmer gebremst worden. Aber bedenkenlos setzte der Fahrer in einer leichten Rechtskurve vor einer Brücke in überhöhter Geschwindigkeit zum Überholen an. Das Auto wurde jedoch über die Kurve hinausgetragen, wobei es eine die Fahrbahn abschließende Begrenzung mit ohrbetäubendem, kreischendem Lärm aufrollte, und anschließend mit einem Knall in den Brückenpfeiler krachte und da zum Stehen kam. Völlige Stille.

Die Fahrbahnbegrenzung bestand aus einzelnen Eisenpfosten aus H-Profilen, in etwa drei Metern Abstand einbetoniert. Oben hatte jeder Pfosten eine viereckige Öffnung, in welche Vierkanthölzer, Durchmesser etwa 10×16 cm als Geländer gelegt waren.

Das Auto war genau von vorne auf ein solches Kantholz geprallt, das beim Aufprall auf den Brückenpfeiler wie eine Lanze durch den Motorraum in den Fahrgastraum gerammt wurde und da genau auf die Mitte der Brust des Fahrers. Sie durchstieß diesen mitsamt seiner Sitzlehne und erreichte den Rücksitz da, wo noch vor drei Minuten der ausgestiegene Kollege gesessen hatte.

Herr Sommer erinnert sich nur noch an die bedrückende Stille und die Gewissheit, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste, dass er irgendwie ausstieg, um das Auto herumging, und Leute ihn davon abhielten, nach dem Fahrer zu schauen. Seine eigenen Verletzungen entdeckte er erst später.

Es ist bekannt, dass man in Situationen allerhöchster Gefahr sogar Dinge sieht und mitbekommt, die nicht im Blickfeld liegen. Auch muss Herr Sommer am aufgespießten Fahrer vorbei ausgestiegen sein, nachdem der vorne sitzende Kamerad den Ausstieg freigegeben hatte. Dabei dürfte ihm das Blutbad in einem halben Meter Entfernung kaum entgangen sein.

Was für Gefühle müssen Herrn Sommer bewegt haben, aus nächster Nähe mit zu erleben, wie sein Kamerad von so einem groben Kantholz durchdrungen und an die Rücklehne geheftet wurde?! Dabei hatte er selbst nicht die geringste Möglichkeit, etwas abzuwehren, oder zu flüchten, sondern schwebte selber in allerhöchster Gefahr. Ja er hatte zu allem Überfluss die Gelegenheit verpasst, früher auszusteigen!

Er war dazu verurteilt, chancenlos auf dem Rücksitz eingesperrt zu sein. Dies alles erzählt er heute ohne die geringsten Emotionen und ohne Erinnerung an irgendwelche Details. Wen wundert’s, dass er in Panik gerät, wenn er in eine Situation gerät, wo er nicht flüchten kann, und dass er heute lieber einmal zu früh aussteigt, als einmal zu spät?

Es ist einerseits die Gnade unserer Psyche, dass sie uns vor solchen Erinnerungen schützt, indem die Emotionen vom Ereignis abgespalten und ein großer Teil der Erinnerungen gelöscht werden. Es ist aber auch der Fluch der unbewusst gespeicherten Erinnerung, die den ganzen Horror dann wieder aktiviert, sobald man in eine ähnliche Situation des Eingeschlossen seins gerät.

Um die Ängste weitestgehend aufzulösen wäre die nachträgliche Verarbeitung des Ereignisses notwendig. Viele fürchten diese nochmalige Begegnung, was zu verstehen ist. Auch Herr Sommer selbst lässt es lieber bei einer 70-prozentigen Besserung bewenden. Ich kann es ihm nicht verübeln.

This entry was posted in Angst, Ängste, Trauma and tagged , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.